Chief-Titel abschaffen: Siemens plant Verzicht auf Führungstitel
Siemens will hunderte Chief-Titel abschaffen. Während Axa Schweiz Erfolg meldet, musste die DWS nach vier Jahren den Schritt rückgängig machen.
Siemens plant, hunderte Chief-Titel im Unternehmen abzuschaffen und folgt damit dem Trend zur Verschlankung von Hierarchiestrukturen in deutschen Großunternehmen.
Warum schafft Siemens Chief-Titel ab?
Der Münchener Technologiekonzern will die Maßnahme als Teil des „One-Tech-Company-Programms“ umsetzen, mit dem die Unternehmensstruktur verschlankt werden soll. Konkrete Details zu den Beweggründen gibt das Unternehmen auf Nachfrage nicht bekannt. Insider berichten dem Handelsblatt und der Süddeutschen Zeitung zufolge von einer geplanten Reduzierung der Führungsebenen.
Welche Erfahrungen haben andere Unternehmen gemacht?
Die Axa Schweiz schaffte Anfang 2024 die Titel Assistant Vice President, Vice President und Director komplett ab. „Diese Maßnahme sollte eine kollaborative Kultur fördern“, erklärt eine Unternehmenssprecherin. Die Mitarbeitenden hätten von Beginn an positiv reagiert. Entscheidend für den Erfolg sei der ganzheitliche Ansatz gewesen: „Wir haben nicht nur die Titel abgeschafft, sondern auch damit verknüpfte Aspekte wie unser Vergütungssystem überarbeitet.“
„Wir haben nicht nur die Titel abgeschafft, sondern auch damit verknüpfte Aspekte wie unser Vergütungssystem überarbeitet.“ – Axa Schweiz Sprecherin
Kann die Titelabschaffung auch scheitern?
Ja, wie das Beispiel der DWS zeigt. Die Fondstochter der Deutschen Bank musste 2024 nach vier Jahren die 2020 abgeschafften Chief-Titel wieder einführen. Die Betroffenen beschwerten sich, weil sie sich auf dem Arbeitsmarkt der Finanzbranche ohne entsprechende Titel benachteiligt sahen. Personalberaterinnen und Headhunter bewerteten Kandidaten ohne klassische Führungstitel als weniger qualifiziert.
Welche Risiken bergen flache Hierarchien?
Ursula Vranken, Gründerin des Instituts für Personalentwicklung und Arbeitsorganisation (IPA), warnt vor den psychologischen Folgen. Für viele Führungskräfte sei der Titel „keine reine Organisationsfrage, sondern eine Identitätsfrage“. Betroffene verbänden damit ihr Selbstbild, ihre Verantwortung und die eigene Selbstwirksamkeit.
Als Beraterin beobachtet Vranken typische Reaktionen:
- Wut und Frustration als erste emotionale Reaktion
- Das Gefühl, alles hinschmeißen zu wollen
- Unsicherheit bezüglich der eigenen Position im Unternehmen
- Sorgen um die externe Wahrnehmung am Arbeitsmarkt
Was müssen Unternehmen bei der Umsetzung beachten?
Erfolgreiche Transformationen erfordern mehr als nur die Streichung von Titeln. Deutsche Unternehmen wie Henkel und SAP haben gezeigt, dass ein systematischer Ansatz notwendig ist. Dazu gehören die Anpassung von Vergütungssystemen, klare Kommunikation der neuen Verantwortungsstrukturen und intensive Begleitung der betroffenen Mitarbeitenden.
Besonders in der DACH-Region, wo Titel traditionell eine wichtige Rolle spielen, müssen Unternehmen auf Widerstände vorbereitet sein. Eine schrittweise Einführung und das Einbeziehen der Belegschaft in den Prozess können die Akzeptanz erhöhen.
Fazit
Die geplante Abschaffung der Chief-Titel bei Siemens zeigt den anhaltenden Trend zur Hierarchieverschlankung in deutschen Großunternehmen. Während Axa Schweiz positive Erfahrungen machte, musste die DWS den Schritt wieder rückgängig machen. Der Erfolg hängt entscheidend von einer ganzheitlichen Herangehensweise und der sorgfältigen Begleitung der Mitarbeitenden ab. Unternehmen sollten die kulturellen und psychologischen Aspekte nicht unterschätzen.